Offizieller Bericht

Zeltlager 2006 – Marktl

„Wenn Gott mit uns ist, wer ist dann gegen uns?“

Na ja, zum Beispiel das Wetter. Das war im Zeltlager 2006 mal wieder deutlich gegen uns. Damit allerdings gleichzeitig auch noch gegen die alte Zeltlagererfahrung, dass auf ein Jahr mit ungünstiger Witterung ein angenehmes folgt und umgekehrt. Sprichwörtlich benötigen solche Regeln ja immer eine Ausnahme, um sie zu bestätigen.

Zu früh gefreut

Recht ärgerlich war es trotzdem: Inzwischen ist man ja mit der Jahrhundert-… oder Jahrtausend-…Bezeichnung schnell bei der Hand. Schwitzend im so genannten Jahrhundertsommer, der dann eigentlich doch bloß aus einem Juli bestanden hat, gab es wohl keinen, der sich nicht schon ausgemalt hat am Badesee oder auf dem Zeltplatz in der Sonne zu liegen und mal ordentlich auszuspannen.
2005
hat es bereits genug geregnet für drei Zeltlager, insofern kann nichts mehr schief gehen, dachte man. Bei schönem Wetter schaffte es der Vortrupp, der sich bereits am Freitag mit Sack und Pack auf den Weg nach Marktl am Inn machte und aus einem Teil der Verantwortlichen und ein paar mehr oder weniger fleißigen Mitfahrern bestand, dann auch in Rekordzeit, alle Zelte und was sonst noch notwendig ist aufzubauen. Ein Großteil der Helfer gönnte sich am Sonntag, dem 30. Juli, also dem Ankunftstag der Mitfahrer, sogar noch einen Sprung in den See. Bei der Rückkehr war der Platz bereits übersät mit Taschen, Eltern und Teilnehmern und es konnte richtig losgehen. Mit dem Zeltlager. Losgegangen ist es dann aber auch mit dem ungemütlichen Wetter. Zum Glück haben wir bereits an diesem ersten Abend die Nachtwanderung, immer ein fester Bestandteil im Unterhaltungsprogramm, unternommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre diese sonst, wie so viele andere Spiele und Aktivitäten, den Widrigkeiten der Witterung zum Opfer gefallen.

Leben im Freien

Zum ersten Mal seit ich mich zurückerinnere, man kann also fast schon sagen zum ersten Mal seit Jahrzehnten, bot sich beispielsweise keine Gelegenheit für die Schnitzeljagd. Dabei folgen die Gruppen sonst einer Fährte aus gleichen Bonbons, was natürlich den Reiz des Spiels erhöht und den Fußmarsch versüßt. Außer es ist alles nass und das Spiel fällt aus. Eine der interessanten Erfahrungen, die jeder während des Zeltlagers sammelt, ist sicher die der Abhängigkeit vom Wetter beim Leben in und mit der Natur. Zumindest ein bisschen soll das Ganze schließlich Abstand von der „normalen“ Umgebung und damit eine neue Sichtweise vermitteln, weshalb auch Handy, Mp3-Player und ähnliche Errungenschaften der modernen Technik nicht erlaubt sind. Manch einer merkt so erst, dass es zumindest für zehn Tage auch mal ohne geht. Aber bleibt man normalerweise bei Regen einfach zu Hause, ist man hier im Zeltlager auf Aktivitäten angewiesen, die einfach im Freien stattfinden müssen. Das reicht dann von den meisten Spielen über Abspülen und Holzhacken bis zum Kochen unter einem abenteuerlichen Regenschutz aus Biertischen. Unangenehm wird so was vor allem für die jeweiligen Dienste. Jeder Teilnehmer muss nämlich im Laufe des Lagers einmal bei bestimmten Verrichtungen mithelfen, beispielsweise der Zubereitung der Mahlzeiten. Gekocht wird nach wie vor über offenem Feuer, was bei fast 80 zu versorgenden Personen doch einigen Aufwand erfordert. 60 Liter Nudelwasser zum Kochen bringen zum Beispiel, und das mit nassem Holz.

Indoor-Spiele

Aber auch wer gerade nicht zu einem der Dienste eingeteilt ist, soll sich ja nicht den ganzen Tag im engen Zelt langweilen. Gefragt war also unser Einfallsreichtum beim Finden von Beschäftigungen für „drinnen“. Kurzerhand wurde das Tischtennisturnier in das große Aufenthaltszelt verlegt. Gewonnen hat dann zur Ehrenrettung der Verantwortlichen in einem spannenden Finale der Filmstudent (auch genannt Nikolas) aus Berlin, der uns dieses Jahr einige Tage begleitet hat, angeblich um Inspirationen zu sammeln. In Wirklichkeit wollte er wohl nur mal ein richtig gutes Zeltlager erleben und war zu alt um sich normal anzumelden. Zumindest gehört er seit seiner Zeltlagertaufe nun tatsächlich dazu. Das war uns so wichtig, dass die Doro „Filmstudenten taufen“ extra mit auf die Merkliste gesetzt hatte, die dann allen Verantwortlichen ausgehändigt wurde, dem Filmstudenten auch, was den Überraschungseffekt ein klein wenig minderte. Vor lauter Schreck blieben dann dafür weitere wichtige Punkte der Liste auf der Strecke. Natürlich klappt dank eines eingespielten Verantwortlichenteams trotzdem alles. Neues Spiel für drinnen war dieses Jahr das Blindfußball-Turnier, wobei jede Mannschaft aus einem Feldspieler mit verbunden Augen und einem „Dirigenten“ am Spielfeldrand besteht. Auch das natürlich in einer schlechtwetter- und damit zelttauglichen Variante. Ich will aber nicht nur jammern, tatsächlich waren wir in den zehn Tagen, die das Zeltlager dauert, ja auch einmal einen Nachmittag lang am See beim Baden, und sogar rechtzeitig vor dem nächsten Wolkenbruch wieder im Lager. Ein weiterer kurzer Sonnenstrahl wurde sofort für den Postenlauf ausgenutzt. Dabei müssen nach dem Zufallsprinzip zusammengewürfelte Gruppen verschiedene Aufgaben erledigen, Büchsenwerfen, Holzsägen, Lieder gurgeln und vieles mehr. Sogar die Lagerolympiade, eine Art Hindernislauf über den Zeltplatz, musste nur ein einziges Mal wegen Regen unterbrochen werden, wer würde sich da beschweren.

Nachtwache

Einiges geboten war auch in den Nächten. Bereits am zweiten Tag hatten wir unseren Wimpelmasten aufgestellt und nun mussten die Wahrzeichen des Zeltlagers gegen drohende Gefahren verteidigt werden. Und in Gefahr waren sie dieses Jahr wieder häufiger, da sich trotz der weiten Anreise nächtliche Besucher, die nichts Gutes im Schilde führen, wieder häufiger sehen ließen. Beziehungsweise nicht unbedingt häufiger, dafür aber abwechslungsreicher. Da einer der „Wimpel“diebe, nennen wir ihn O., letztes Jahr sein Ziel erreicht hat (keine Angst, die Wimpel haben wir behalten) und somit zumindest nicht mehr jede Nacht im Lager rumhing, war das Feld frei für anderweitige Versuche unserer Fahne habhaft zu werden. Um das zu verhindern, wird die Nachtruhe der Lagerbesatzung von einer Nachtwache, bestehend aus mindestens einem Verantwortlichen und einigen Teilnehmern, behütet, die jedoch bei einem „Angriff“ möglichst lautstark und tatkräftig auf sich und die Wimpeldiebe aufmerksam machen und die Schlafenden wecken. Besonders ein Versuch machte uns zu schaffen. Taktik: Morgengrauen und viele Leute, die sich auch für eine Rangelei auf dem inzwischen doch recht matschigen Platz nicht zu schade waren. Glücklicherweise konnten wir die Wimpel dennoch verteidigen und so war es am letzten Tag mal wieder an uns, den Masten selbst zu fällen und den kostbaren Stoff sicher bis zum nächsten Jahr zu verwahren.

Besuch bei Regen

Wenig Glück hatten wir, und natürlich die Familien der Mitfahrer, am traditionellen Besuchertag zur Halbzeit. Eigentlich soll der zeigen, wie es bei uns im Zeltlager so zugeht, wie schön es ist und wie toll es sich so lebt auf unserer Wiese. Außerdem wäre er Gelegenheit zum gemütlichen Beisammensitzen mit Chili, Salaten, Spezi, Kuchen usw. Hätte da nicht nachmittags mal wieder ein Gewitter mit Platzregen eingesetzt, so dass wir kurz vor Beginn sogar überlegen mussten, in die Maschinenhalle unseres Bauern auszuweichen. Wir entschieden uns fürs Durchhalten auf dem Platz und wurden dabei von den findigen Besuchern nicht enttäuscht. In großer Anzahl kamen sie und hatten neben trockenen und warmen Klamotten für den Nachwuchs Sonnenschirme und sogar einen Pavillon mitgebracht. Darunter oder in unserem Küchen-, Feuer- oder dem Aufenthaltszelt fand schließlich jeder seinen Platz. Sogar der Regen ließ zeitweise etwas nach und man konnte erahnen, was für eine grandiose Aussicht man von unserem Platz aus hoch über dem Inn bei schönem Wetter haben würde. Leider verlässt uns an diesem Tag auch immer die liebevoll als „Warmduscher“ bezeichnete Gruppe derjenigen Teilnehmer, die das Zeltlager nicht durchhalten und lieber die Heimreise mit ihren Eltern antreten. Sicher kann man sich jedoch auch sein, dass mit dem Teil, der gerade unter erschwerten Bedingungen wie dieses Jahr bleibt, immer noch einige lustige und ereignisreiche Tage bevorstehen.

Schluss

Schließlich hatte das Wetter sogar Mitleid mit unserem letzten Abend. Bei Bowle und dem üblichen großen Abschlussfeuer konnten wir unbehelligt das Ende des Zeltlagers „feiern“, was doch immer, auch diesmal, eine wehmütige Angelegenheit ist. Wieder ein Jahr warten! Das orkanartige Unwetter setzte an diesem Abend tatsächlich so spät erst ein, dass manche schon im Bett waren und es so am nächsten Tag zu der denkwürdigen Schimpfkanonade vom Alv kam, was für bescheuerte Idioten doch die Radiosprecher sind mit dem blödsinnigen Gequatsche von Sturmwarnung und Regenfällen. Alles gar nicht wahr. Ein gesunder Schlaf, da können die Wimpelklauer mit Blaskapelle und Böllerschützen am Zelt vorbeimarschieren. (Kleiner Tipp für nächstes Jahr, nicht weitersagen.) Außerdem scheint 2007 die Sonne!

Martin Reicheneder