Offizieller Bericht

Singin´ in the rain

Das Zeltlager 2000

    Eigentlich schien das Zeltlager diesmal ja schon aufgrund der Jahreszahl dafür bestimmt zu sein, etwas ganz besonderes zu werden. Dass dies aber auf diese Art, ausgerechnet durch das Wetter, tatsächlich eintreffen sollte, hatte niemand erwartet. Und auch niemand gehofft. Nicht umsonst lautet das typische Zeltlagerzitat diesmal: „Das Wetter regt auf!“ (Thomas Marquardt)

Vor dem Zeltlager: Viel Regen bringt wenig Anmeldungen

    Um aber der Reihe nach zu erzählen: Nach dem doch sehr arbeitsaufwändigen Zeltlager 1999 hatten wir uns entschlossen, die Teilnehmerzahl von damals 75 auf nun max. 65 zu begrenzen. Das sollte sich aber ohnehin bald als unnötig herausstellen, spätestens als sich die Anmeldefrist ihrem Ende zuneigte und immer noch etliche Plätze zu vergeben gewesen wären. Grund dafür war neben dem vom Kinderferienprogramm angebotenen Zeltlager mit ähnlicher Altersgruppe natürlich zu einem Großteil das bereits im Vorfeld nicht gerade sommerliche Klima eines ziemlich verregneten Julis. Da konnte die richtige Zeltlagervorfreude natürlich nur eher spärlich aufkommen, woran auch die häufige Wiederholung von „Irgendwann muss es ja besser werden, hoffentlich bald“ wenig änderte. Außer natürlich bei den hartgesottenen Zeltlager-Fans, die ohnehin bereits das ganze Jahr dem Beginn der Sommerferien entgegenfiebern.

Los gehts: Vortrupp und Ankunft der Teilnehmer

    Dann aber fand sich wie üblich bereits zwei Tage vor dem offiziellen Beginn ein Grüppchen, das nicht genug von der Arbeit bekommen kann, der sogenannte Vortrupp, auf der als Lagerplatz auserkorenen Wiese ein. Für diese stand allerdings erst mal ein Orts- und Bauernwechsel auf dem Programm, verursacht durch den aufgeweichten Boden an der eigentlich vorgesehenen Stelle. Als alle Formalitäten doch endlich geklärt waren wurde zwei Tage lang bei hoffnungsträchtig strahlendem Sonnenschein alles aufgebaut. 14 Wohn- und zwei Küchenzelte, das Feuerzelt sowie das große Aufenthaltszelt. Und am 28. Juli war es dann auch vorbei mit der beschaulichen Ruhe auf der Wiese am Waldrand. Auf einmal drängten sich neben den 14 Verantwortlichen noch 59 Mitfahrer, meist nebst zugehörigen Eltern im einsetzenden Regen auf dem Platz, aufgeregt letzte Kleiderfragen und natürlich die Zeltverteilung diskutierend. Wer will mit wem ins Zelt und mit wem auf keinen Fall. Selbstverständlich streng getrennt in Jungen- und Mädchenzelte, wobei trotzdem jedes Zelt mit 5-6 Personen zu besetzen war…

Was sind eigentlich Dienste?

    Ein Gordischer Knoten, dessen Auflösung sich erfahrungsgemäß bis in den frühen Abend hinein zu ziehen pflegt. Da bleibt dann gerade noch Zeit, ein paar allgemeine Worte über Verhaltensweisen und Verbote im Lager zu verlieren. Und natürlich zu den Diensten, die jeder Teilnehmer im Laufe des Zeltlagers jeweils ein mal absolviert haben sollte. Neben dem ZBV, also einer Art „Bereitschaftsdienst“ für diverse anfallende Arbeiten, sind dies die Küchendienste, aufgeteilt in morgens, mittags und abends. Dabei wird zusammen mit den beiden Küchenverantwortlichen das Essen für das gesamte Zeltlager zubereitet. Und das lediglich über offenem Holzfeuer, für das der Holzdienst das Brennmaterial aus dem nahegelegenen Wald herbeizuschaffen hat.

Kein Zeltlager ohne Philosophie:

    Deutlich lassen sich hier die organisatorischen Schwierigkeiten bei der Vorbereitung derartiger Fahrten erkennen. Durch immer dichtere Bebauung und touristische Erschließung der Seen wird es zunehmend schwieriger, eine möglichst abgeschiedene Wiese zu finden mit angrenzendem Wald zur Holzgewinnung und einer zu Fuß erreichbaren Bademöglichkeit. Fließendes Wasser haben wir nämlich auch nicht auf unseren Zeltplätzen. Dennoch bemühen wir uns, jedes Jahr einen neuen Platz zu finden. Nicht zuletzt um den wieder mitfahrenden Teilnehmern und uns Abwechslung bieten zu können und die Möglichkeit, immer wieder etwas neues zu entdecken.

Es geht auch ohne Unterhaltungselektronik

     Bewusst verzichten wir im Zeltlager auf viele Errungenschaften der modernen Zivilisation, vor allem aber auf jegliche Form der Unterhaltungselektronik, wie Walkman, Gameboy etc. Bewusst wollen wir mit den Kindern und Jugendlichen die Natur mit alle ihren Schönheiten und Widrigkeiten erfahren und erleben. Bewusst machen wollen wir uns auch die Möglichkeiten und Freuden des Zusammenlebens und Voneinander-Abhängig-Seins. Ganz neue Beschäftigungsmöglichkeiten ergeben sich, wenn nicht jeder allein in seinem Zimmer vor dem Computer die Ferien verbringt, sich zusätzlich mit Kopfhörer und Stereoanlage allen natürlichen Eindrücken verschließt. Da kann man selbstverständlich alles unbeachtet außen vor lassen, was einem unwichtig oder unangenehm erscheint.

     Anders dagegen im Zeltlager. Hier ergeben sich Chancen und Notwendigkeiten der Kommunikation, stellen sich Aufgaben, die allein nicht lösbar sind. Hier lernt man miteinander auszukommen, miteinander zu reden und sich zu arrangieren, zu helfen und Hilfe anzunehmen. Dies alles zugegebenermaßen nicht ganz freiwillig. Den Anstoß für dieses sozialere Verhalten liefern schon allein die räumlichen Gegebenheiten. 10 Tage lang zu sechst in einem Zelt zu leben und mit 73 anderen auf einer Wiese erfordert von jedem ein großes Maß an Gemeinschaftsgeist. Und dies wird in zunehmendem Maße wichtiger, je weniger das Wetter mitspielt.

Zeltlager = Spass bei Sonne…

    So konnten wir dieses Jahr aber ohne Zweifel zeigen, wie viel Spaß man doch in der Natur haben kann, selbst wenn unter den 10 Tagen nur ein einziger war, an dem es nicht geregnet hat. Dieser eine Tag wurde natürlich restlos aufgenutzt. Nach Bonbon-Schnitzeljagd und Holzholen konnten wir so doch einmal in aller Ruhe nach dem Bad im See in der Sonne liegen.

…und Regen

     Das soll allerdings nicht bedeuten, dass die anderen Tage weniger lustig waren. Neben den typischen Schlechtwetterangeboten wie Specksteinbasteln und dem Knüpfen von Freundschaftsarmbändchen, beides dieses Jahr bis zum Exzess betrieben, wird wohl eine Aktion uns allen im Gedächtnis bleiben. Die sogenannten Matsch-Games. Eine Art Staffellauf durch einen Hindernisparcours. Und das bei strömendem Regen. Von oben bis unten schmutzig werden war hier Pflicht, Kampfgeist und Spaßfaktor allein schon durch die Aufgabenstellung garantiert. Und anschließend Suppe und heißen Tee zum Aufwärmen.
Bei solcherart gelungenen Aktivitäten konnten uns auch ein mehr feucht als fröhlicher Besuchertag und ein Lagergottesdienst mit eingebautem Platzregen nichts mehr anhaben. Und auch der Sumpf nicht, der früher mal eine Wiese und unser Zeltplatz war, nun aber mehr den Eindruck erweckte, der Bauer hätte hier ein Jahr lang seine Kuhherde geparkt.

Unsere Wimpelklauer werden zu Warmduschern?

    Im Gegensatz zu den Tagen zogen sich dagegen die Nächte sehr ereignislos in die Länge. So wurde es immer schwieriger, die Nachtwachen zur aufmerksamen Bewachung des in der Lagermitte aufgestellten Wimpels zu bewegen. Langsam verdichteten sich unsere Befürchtungen nämlich zu der Gewissheit, die altbewährten Traunreuter Wimpelklauer seien doch allesamt in die Kategorie der Warmduscher einzuordnen, für die das Zeltlager ja bekanntermaßen nicht geeignet ist. Ohne es auch nur zu einem ernst zu nehmenden Angriff gebracht zu haben versammelten sie sich schließlich in der vorletzten Nacht alle zum gemütlichen Kaffeeklatsch um unser Lagerfeuer. Laut wurde dann beratschlagt, wie man die Wimpel denn im nächsten Jahr „totsicher“ klauen könne und, da mit dem Alter wohl auch die Bequemlichkeit einherzugehen scheint, was denn wäre, wenn man ein Feuerwehraute mit Drehleiter hätte oder einen Hubschrauber chartern würde. Von unserer Seite dafür in Zukunft schon mal viel Erfolg.

Letzer Tag und Nachtrupp

    Pünktlich zum großen Feuer, das den krönenden Abschluss eines jeden Zeltlager bildet, war uns das Wetter wieder gnädig, holte den versäumten Regen dafür aber in den nächsten Tagen nach. Nun ist es aber unmöglich, die Zelte im Regen abzubauen, da diese zum Einlagern vollständig trocken sein müssen. So blieb uns also nichts anders übrig, als zu siebt auf dem Zeltplatz auszuharren, bis sich denn eine Gelegenheit zum Abbau ergeben sollte.
Diese bot sich schließlich nach drei Tagen und so wurde dann mit Hilfe eigens aus Traunreut angeforderter Unterstützung alles abgebaut, verpackt und einen Tag später daheim in einen fast einjährigen Dornröschenschlaf versetzt. Und so war das Zeltlager 2000 noch in einer anderen Hinsicht etwas ganz besonderes. Nämlich das wahrscheinlich längste Zeltlager in der Traunreuter Geschichte.

    Und auch gelernt haben wir etwas dieses Jahr: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung.

Martin Reicheneder, Überschriften vom Gini